THE CHILD – EIN DEUTSCHER HOLLYWOODTHRILLER

Auftraggeber: Fünf Freunde/ Betafilm (Verleih) Produktion: Braindogs Entertainment GmbH - Regie: Zsolt Bács - Kamera: Kim Howland - Szenenbild: Wolfgang Arens
Immer, wenn der heutige Bestseller-Autor Sebastian Fitzek seinen Erstling bei Verlagen vorstellte, bekam er gebetsmühlenartig die gleiche Antwort: „Psychothriller aus Deutschland verkaufen sich nicht in Deutschland.“
Ähnlich erging es ihm Jahre später, wenn er über die Verfilmung seiner mittlerweile in zwanzig Sprachen übersetzten, deutschen Thriller mit Leuten vom Fach sprach. – Hier lautete die Antwort: „Thriller verkaufen sich nicht in deutschen Kinos.“
Er hatte schon einmal den Beweis angetreten, dass sich vermeintliche Fachleute bei Verkaufsprognosen gewaltig täuschen konnten, deshalb gab er auch diesmal nicht auf.
Eines Abends, als er mit seinem Freund Zsolt Bács beim Bier saß, entstand eine Idee, die beide nicht mehr loslassen sollte:
Bács ist Schauspieler, Regisseur, Autor, sowie Produzent und erklärte kurzerhand, dass er den Fitzek-Roman „Das Kind“ gemeinsam mit dem Autor produzieren wolle; Entweder mit staatlichen Filmfördermitteln oder eben ohne.
Auch der Problemlage, dass Deutsche offenbar keine Thriller mehr im Kino anschauen, begegnete das Produzententeam offensiv: Wenn sich ein deutscher Thriller nicht in Deutschland verkaufe, müsse man „The Child“ eben mit genügend internationalem Production Value ausstatten, um den Film vor allem außerhalb von Deutschland zu vermarkten.
Sowohl der Cast als auch der Look sollten auf Hollywood-Niveau sein und es galt nun, US-Schauspieler zu finden, die sich für dieses Projekt begeistern ließen.
Gesagt, getan: Schon bald waren Eric Roberts („Express in die Hölle“, „The Dark Knight“), Peter Greene („Pulp Fiction“, „Die üblichen Verdächtigen“) und Sunny Mabrey („Monk“, „Desperate Housewives“) mit von der Partie.
Es gesellten sich prominente, deutsche Schauspieler hinzu: Unter anderem Ben Becker, Dieter Hallervorden und Dieter Landuris.
Lange bevor jedoch die Besetzung stand, wurden Wolfgang Arens und - als sein Assistent und Setdocorator - Udo Reinschke in das Projekt einbezogen: Schließlich war es notwendig, schon frühzeitig an der Kalkulation der Ausstattung zu arbeiten, um mögliche Kostenexplosionen zu verhindern. So manche zu teure Drehbuchidee konnte so schon frühzeitig diskutiert werden und musste des Öfteren gestrichen werden.
Die Losung der Ausstattungsabteilung war einfach: Wenn das – für einen Kinofilm – sehr knappe Budget eingehalten werden sollte, konnte es am Set keine Auswahl an Requisiten und Ausstattungselementen geben. Eine Auswahl gab es nur vorher: Bei den Abnahmen und den detaillierten Besprechungen.
Nichts – kein Requisit, kein Möbel und auch kein Bauteil - durfte überflüssig sein und alles, was die Ausstattungsabteilung besorgte, musste auch im Bild platziert werden.
Solch eine Arbeitsweise ist allerdings alles andere als trivial, wenn das Drehbuch vornehmlich Requisiten, Räume und Ausstattungsdetails zum Erzählen nutzt.
Bei „Das Kind“ gab es kaum ein Bild ohne Auto, Handy oder Waffe. Immer wieder tauchen Leichen auf, fordern Stunts ihren Ausstattungstribut, wartet das Buch mit Spezialeffekten auf (Schüssen, blutigen Kämpfen etc.) – Schon daraus ergab sich schnell, dass die Requisite unter Leitung des Außenrequisiteurs Harald Voß den Hauptanteil des Ausstattungsbudgets verschlingen würde.

Gerade bei den Bauten wurde quasi um jede Schraube gerungen.
Insbesondere die Anfertigungen für die Stunts mussten so effektiv und günstig wie möglich hergestellt werden:
In einer Fabrikruine beispielsweise sollte die Hauptfigur Robert Stern stolpern, seine Lampe im Wasser verlieren und eine Falltür auslösen, um von einer – darauf befindlichen - Leiche niedergerissen zu werden.
In der Romanvorlage spielte diese Szene in einem kniehoch überfluteten Keller. Da ein solches Setup aber viel zu teuer geworden wäre, musste Szenenbildner Wolfgang Arens eine ebenso gruselige, dafür aber günstigere Lösung finden.
Man einigte sich auf eine Art Verschlag in einem vorhandenen Sandbecken. Hierin sollte eine Pfütze sein, in welcher die von der Requisite umgebaute Baulampe kurzschließen sollte.
Im laufenden Bauprozess entschied der Szenenbildner sich jedoch statt eines kompletten Verschlags für einen Skelettbau aus Altholz, weil dieser viel unheimlicher wirkte, als ein vollständiger Kellerverschlag.
Filmbauarbeiter Lutz Zwanzig konnte beweisen, dass er nicht nur zuverlässige Stuntbauten herstellen kann – die Leiche musste schließlich punktgenau auf dem Stuntman landen - sondern er bewies auch, dass er in der Lage war, solche Bauten aus fauligem Holz und unter Einsatz von Spinnwebspray sehr morbide und gruselig zu gestalten.

Auch Filmbauarbeiter André „Doc“ Meier konnte glänzen: Seine aus mitteldichter Faserplatte (MDF) hergestellten Möbel für einen Messi-Wohnwagen erfüllten ästhetisch ihren Zweck genauso, wie man sie gefahrlos einrennen konnte.
Stuntkoordinator Volkhard Buff lobte die Ausführung genauso wie die Bestückung mit weichen Requisiten.
Bereits zu einer ersten Probe – noch vor der eigentlichen Drehzeit von „the child“ - hatten Szenenbildner Arens und Requisitenfahrer Stefan Missfeld diverse Sozialläden nach mehrfach vorhandenen Einrichtungsgegenständen zum Zertrümmern abgesucht.
Um den Wohnsitz eines Perversen wirklich ekelerregend zu gestalten, musste die Requisite noch allerlei Verdorbenes, scheinbar dreckige Wäsche und anderes Füllmaterial aus dem Reich des Schmuddels besorgen oder herstellen. (Beispielsweise musste eine beachtliche Pornosammlung mit geringem, finanziellem Aufwand hergestellt werden.)
Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Schon von weitem betrachtet, konnte einen Uneingeweihten, der alles für echt hielt, der Ekel überkommen.

Von Anfang an stellte die Villa des Anwalts ein schwieriges Problem dar.
Staranwalt Stern - die Hauptfigur - sollte reich sein, aber bereits vor Jahren die Lebensfreude verloren haben. Entsprechend designaffin und gleichzeitig lieblos sollte die Villa aussehen. Des Weiteren musste in der Villa für die Schlussszene des Films eine aufwändige Stranddekoration hergestellt werden und es musste aus produktionstechnischen Gründen erst der Strand und anschließend die leere Villa gedreht werden.
Nach langem Suchen fand Locationscout Emilio Winschetti ein modernes, denkmalgeschütztes Haus in Gatow bei Spandau, das einen robusten Fliesenboden hatte, dem ein paar Kubikmeter Sand nicht sofort etwas anhaben konnten.
Sicherheitshalber wurde der Boden jedoch trotzdem mit billigem Teppich versiegelt, damit der Sand die Fliesen nicht zerkratzen konnte.
Anschließend wurde die Dekoration aus Palmen, Fotorücksetzer mit Strandmotiv, Bar und diversen karibischen Requisiten eingerichtet.
Und schließlich mussten die 5 Kubikmeter Sand von Hand und Sack für Sack in das Haus getragen werden. - Es gab nämlich keine Möglichkeit, mit Karren an das Wohnzimmer heran zu kommen, weil die Villa in einen Hang gebaut worden war und überall Treppen zu überwinden waren.
Da der Rückbau nicht länger als vier Stunden dauern durfte, wurden 13 Helfer engagiert, die den Sand wieder hinauf zur Straße tragen sollten.
Um die Motivmiete nicht ansteigen zu lassen, musste dieser Rückbau allerdings noch während der nächtlichen Dreharbeiten im Garten stattfinden:
Alle Strandmaterialien, der Sand und der Schutzteppich mussten möglichst lautlos zur Straße geschafft werden und anschließend musste das unterkühlte Wohnzimmermobiliar wieder eindekoriert werden.
Das Team staunte nicht schlecht, als das Haus kurz nach Drehschluss wieder aussah wie zuvor.
Für Außenstehende sieht die Arbeit der Ausstattungsabteilung zuweilen eben so aus, als habe jemand gezaubert. – Gerade wenn ein Kinolook abgeliefert und gleichzeitig ein äußerst knappes Budget eingehalten werden muss.
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